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Fakultät Kunst- und Sportwissenschaften

»Großstadtvisionen«

Wintersemester 26/27 Veranstaltungsort: Kino im U, DORTMUNDER U, Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund
Silhouette eines Gebäudes, davor steht in gelben Lettern "Großstadtvisionen" © Kunstwissenschaft ​/​TU Dortmund
Die TU Dortmund nimmt das Jubiläum des Dortmunder U zum Anlass für die Filmreihe »Großstadtvisionen«. Vier Spielfilme aus den Jahren 1927 bis 2003 zeigen, wie das Kino die moderne Metropole wahrnimmt und imaginiert.

Das Dortmunder U feiert Geburtstag: Vor einhundert Jahren wurde das ehemalige Firmenhochhaus der Dortmunder Union-Brauerei nach Plänen des Architekten Emil Moog errichtet. Heute zählt der Bau zu den bedeutendsten Zeugnissen der 1920er Jahre im Dortmunder Stadtbild. Seine markante Silhouette steht für Dortmunds Aufbruch zur modernen Großstadt und für die Industriekultur des Ruhrgebiets. Als weithin sichtbare Landmarke verband es wirtschaftliche Macht mit städtischer Repräsentation. Seine heutige Nutzung als Kultureller Ort macht zugleich den Strukturwandel der Industriestadt anschaulich.

Die TU Dortmund nimmt das Jubiläum zum Anlass für die Filmreihe »Großstadtvisionen«. Vier Spielfilme aus den Jahren 1927 bis 2003 zeigen, wie das Kino die moderne Metropole wahrnimmt und imaginiert: als beschleunigten Rhythmus von Arbeit, Verkehr und Konsum, als dystopischen Raum von Kontrolle und Gewalt, als globalisierte Erfahrungswelt von Fremdheit und Einsamkeit und als sozial segregierten Lebensraum. Die Kamera bildet die Stadt dabei nicht einfach ab. Montage, Bildkomposition, Ton und Musik verdichten sich zu einer ästhetischen Konstruktion, die die Stadt selbst zum handelnden Subjekt macht.

Die Reihe fragt nach den Hoffnungen auf Freiheit, Mobilität und Vergnügen, die sich seit den 1920er Jahren mit dem großstädtischen Leben verbinden, aber auch nach den Ängsten vor Anonymität und Kontrollverlust. Wie prägen Architektur, Interaktion und Verkehr die Wahrnehmung des urbanen Raums und menschliche Beziehungen? Im Anschluss an jede Filmvorführung im Kino des Dortmunder U diskutieren Wissenschaftler der TU Dortmund, Gäste und Publikum über diese Fragen und über die visuellen und musikalischen Formen, in denen das Kino die Großstadt entwirft.

 

Programm:

Mittwoch, 28. Oktober 2026, 16.30 Uhr – Berlin
»Berlin – Die Sinfonie der Großstadt« (Deutschland 1927), Regie: Walter Ruttmann
Altersfreigabe: Ohne Altersbeschränkung (FSK 0)

Gesprächsgast: Maren Lickhardt

Der Name Berlin steht bis heute für das großstädtische Lebensgefühl der 1920er Jahre. Kein anderer Film fing dieses besser ein als Walter Ruttmanns »Filmsinfonie« von 1927. Entstanden im selben Jahr wie Fritz Langs »Metropolis«, dokumentiert Ruttmann den Ablauf eines einzigen Tages in der Riesenmetropole, vom frühmorgendlichen Erwachen der Stadt bis zu ihren nächtlichen Vergnügungen. Bilder von Arbeit, Verkehr und Konsum verdichtete und rhythmisierte er dabei in experimenteller Montagetechnik. Die Stadt erscheint wie ein anonymer Koloss, der im Takt der Maschine funktioniert und das Leben der Bewohner unerbittlich vorantreibt. Für den Stummfilm schuf der Komponist Edmund Meisel eigens eine sinfonische Filmmusik, die das Geschehen in kongenialer Weise dramatisiert.

Maren Lickhardt beschäftigt sich als Literatur- und Medienwissenschaftlerin mit der Kultur der Weimarer Republik, insbesondere mit dem Berlin der 1920er Jahre. Ihr Blick auf Großstadt, Populärkultur und moderne Lebensformen eröffnet einen besonderen Zugang zu Ruttmanns filmischem Porträt der Metropole.

 

Mittwoch, 11. November 2026, 16.30 Uhr – New York
»Escape from New York« (»Die Klapperschlange«) (USA 1981), Regie: John Carpenter
Altersfreigabe: Ab 16 Jahren (FSK 16)

Gesprächsgast: Marcus Stiglegger

John Carpenters »Escape from New York«, der in den deutschen Kinos unter dem irreführenden Titel »Die Klapperschlange« lief, ist ein Klassiker des postmodernen Kinos der frühen 1980er Jahre. In einer dystopischen Zukunft ist Manhattan eine riesige Gefängniszone, die von finsteren Gangs kontrolliert wird. Ausgerechnet hier stürzt die Air Force One mit dem US-Präsidenten ab. Mit seiner Rettung wird der zynische Ex-Sträfling Snake Plissken (Kurt Russell) beauftragt, der auf sich allein gestellt die postapokalyptische, in nächtliche Dunkelheit gehüllte Stadtruine erkundet. An der Schnittstelle zwischen den krisengeschüttelten 1970er Jahren und den hedonistischen Achtzigern entwarf »Escape from New York« ein comicartig überzeichnetes, zuweilen allerdings auch trashiges Endzeitszenario, dessen visueller Stil andere Erzeugnisse der Popkultur prägte. Carpenter drehte den Film mit Starbesetzung, darunter Soulsänger Isaac Hayes als sinistrer Duke von New York.

Marcus Stiglegger ist Filmwissenschaftler und beschäftigt sich besonders mit Horror-, Science-Fiction- und Actionfilmen. Gemeinsam mit Pelle Felsch und Andreas Rauscher gab er 2025 den Band »John Carpenter. Horror und Apokalypse« heraus.

 

Mittwoch, 25. November 2026, 16.30 Uhr – Tokio
»Lost in Translation« (USA/Japan 2003), Regie: Sofia Coppola
Altersfreigabe: Ab 6 Jahren (FSK 6)

Gesprächsgast: Anke Steinborn

Sofia Coppolas »Lost in Translation« erzählt von der flüchtigen Begegnung zweier Reisender aus den USA in Tokio: Der alternde Filmstar Bob Harris (Bill Murray) und die junge Charlotte (Scarlett Johansson) sind aus unterschiedlichen Gründen in die japanische Metropole gereist und fühlen sich dort gleichermaßen verloren. Das luxuriöse Hotel, in dem sie wohnen, ist Rückzugsort und Isolationsraum zugleich. Zwischen Neonreklamen, überfüllten Straßen und anonymen Innenräumen erscheint Tokio als überwältigender Bild- und Klangraum. Die Erfahrung kultureller Fremdheit übersetzt Coppola in ein melancholisches Spiel mit verlangsamtem Erzähltempo, beiläufigen Beobachtungen und atmosphärischer Musik. Das Tokio des Films ist weniger dokumentarisch, als eine Projektionsfläche für die Selbstsuche westlicher Reisender und dabei nicht ganz frei von kulturellen Klischees und Stereotypen.

Anke Steinborn beschäftigt sich als Kultur- und Medienwissenschaftlerin mit Fragen der Identität und Fremdheit im zeitgenössischen Film. »Lost in Translation« hat sie besonders intensiv untersucht.

 

Mittwoch, 9. Dezember 2026, 16.30 Uhr – Rio de Janeiro
»City of God« (Brasilien 2002), Regie: Fernando Meirelles u. Kátia Lund
Altersfreigabe: Ab 16 Jahren (FSK 16)Gesprächsgast: Sonja Collison

Fernando Meirelles’ und Kátia Lunds »City of God« erzählt vom Heranwachsen des jungen Buscapé in der gleichnamigen Siedlung am Rand Rio de Janeiros. Von den 1960er bis in die frühen 1980er Jahre erlebt er Drogenhandel, Bandenkriege und Polizeigewalt. Durch die Fotografie hofft er, diesem Kreislauf zu entkommen. Episodische Erzählweise, Montagen und prägnanter Musikeinsatz verleihen dem Film eine mitreißende Dynamik. Die Favela erscheint dabei nicht als Gegenwelt zur Metropole, denn als Produkt räumlicher Segregation und extremer sozialer Ungleichheit. Zugleich stellt die virtuose Inszenierung ein ästhetisches und ethisches Problem: Macht sie die gesellschaftlichen Bedingungen der Gewalt sichtbar oder verwandelt sie diese konsumierbares Unterhaltungskino?

Sonja Collison arbeitet als Kulturanthropologin und Kulturproduzentin sowie in der diskriminierungskritischen Filmbildung. Sie fragt danach, wie Filme Zugehörigkeit, soziale Ungleichheit und rassistische Zuschreibungen sichtbar machen, ausblenden oder festschreiben.